Raik Adler, Ideendesigner, im persönlichen Interview‚Der Designer formt und gestaltet Dinge der unterschiedlichsten Art.‘ [Wikipedia]

Raik Adler ist Ideen-Designer und stellt die Frage: ‚Worüber haben Sie heute länger als 10 Minuten nachgedacht?‘ Die Antworten dazu geben u.a. Unternehmen wie die Deutsche Telekom, Avis oder die Deutsche Post. Sie alle zählt Dresdener zu seinen Kunden.

Seit kurzem betreibt Raik ein Blog mit dem Titel Anleitungen zum Scheitern. Im persönlichen und humorvollen Interview erzählt er, worum es dort gehen wird, wie er Kunden gewinnt (der Teil für den Blog Karneval), warum er stolz darauf ist, als Spinner bezeichnet zu werden und vieles mehr.

Über einen ‚gelernten Ossi‘ [Zitat Raik] der vom humorlosen Berater-Alltag genug hatte, und sich seinen Traumjob ganz einfach selbst geschaffen hat.

 

Du bezeichnest dich selbst als Ideendesigner. Was genau machst du?
Ich helfe Unternehmen dabei, ungewöhnlich erfolgreich zu werden. Meine Aufgabe besteht darin, entsprechende Ideen zu entwickeln. Die Umsetzung übernimmt der Auftraggeber meist selbst.

Damit ich es richtig verstehe: DU entwickelst die Ideen oder du lässt entwickeln?
Ich entwickle die Ideen selbst. Einerseits wandle ich bestehende Ideen aus anderen Branchen oder Bereichen ab und andererseits entwickle ich völlig neue Ideen. Als Inspirationsquellen dienen mir 200 Kreativitätstechniken und eine 800 Beispiele umfassende Ideendatenbank. Meine Kunden erhalten 2-10 Ideen, die aus bis zu 1.000 Rohideen entstanden sind.

Könn(t)en deine Kunden diese Ideen nicht auch selber haben?
Den meisten Unternehmen ist es unmöglich, in so kurzer Zeit so viele ungewöhnliche Ideen zu entwickeln und die besten herauszufiltern. Ich erhöhe die Entscheidungssicherheit für diese Unternehmen. Sein wertvolles Budget möchte natürlich jeder in die richtigen Ideen investieren. Darüber hinaus erhalten meine Kunden vor allem Ideen, auf die sie selbst nie gekommen wären, obwohl diese Ideen im Nachhinein manchmal ziemlich naheliegend und simpel erscheinen.

Um welche Themen gehts da?
Für alles, was mir Kunden auf die folgende Frage antworten: „Worüber haben Sie heute länger als 10 Minuten nachgedacht?“. Das sind genau die Themen, die den Kunden am meisten bewegen.

Wie schaffst du es, dich in so viele verschiedene Geschäftsbereiche einzuarbeiten?
Das ist gar nicht meine Absicht. Einarbeitung bedeutet mehr oder weniger Experte zu werden und einen Tunnelblick zu bekommen. Der 360°-Blickwinkel ist ja genau das, was meine Kunden von mir erwarten. Ideen von Experten können sie sich auch intern beschaffen. Außerdem bin ich als (Raik) Adler in der Lage, Probleme aus der Vogelperspektive zu betrachten.

Andere, wie z.B. Brainstore, entwickeln Ideen am Fließband. Kann ein Ein-Mann-Unternehmen wie du da überhaupt mithalten?
Natürlich nicht und genau deshalb produziere ich Ideen auch nicht am Fließband, sondern in Handarbeit. Ich liefere eher Klasse statt Masse. Der Markt für Ideen-Entwicklung ist außerdem riesengroß und entsteht gerade erst. Meiner Meinung nach werden immaterielle Güter wie Ideen das Kapital der Zukunft sein. Für Einzelunternehmer bieten sich also zahlreiche profitable Nischen. Eine Möglichkeit bietet der Preis. Die Brainstore-Angebote würde ich nicht wirklich als Schnäppchen einstufen.

Im Moment läuft gerade der 1. Deutschsprachige Business Blog Karneval bei dem es um Fragen zum Thema Akquise und Kundengewinnung geht. Wie kamst du zu deinen Kunden?
Karneval ist auch ohne Blog nicht wirklich mein Thema. Insofern suche ich mir meine Kunden anders. Anfangs habe ich sehr von meinen früheren Kontakten als Unternehmensberater profitiert. Die beste Möglichkeit neue Kunden zu finden sind meiner Meinung nach zufriedenen Stammkunden, die einen weiter empfehlen bzw. neue Kontakte herstellen. Daneben probiere ich allerlei Ideen aus, wie beispielsweise meinen neuen Blog. Richtig gut kommt auch meine neue Visitenkarte an, die ich mit den Worten „ich gebe Ihnen mal meine Karte“ aushändige (siehe Bild). Obwohl nur schwarz-weiß, fällt sie doch enorm auf.

Raik Adler, VisitenkarteWie groß ist dein Kundenstock derzeit?
Also die meisten sind so zwischen 1,70m und 1,90m groß. Da ich mich im Gründungsjahr befinde, ist der Kundenstamm (noch) überschaubar. Meine Referenzliste [Anm.: s.Homepage] liest sich dennoch nicht schlecht.

Sind das vorwiegend Unternehmen aus deinem Umkreis oder arbeitest du deutschlandweit?
Ich arbeite deutschlandweit. Neue Dinge probiere ich gern in der näheren Umgebung aus. Alles, was den Test besteht, wird dann auch deutschlandweit angeboten.

Timo Off hat einmal die Frage gestellt: Welche Farbe hat eine Idee?
Meine Ideen sind orange mit Ausrufezeichen! Ansonsten sollten sie bunt sein. Die meisten Unternehmen neigen dazu, Ideen in schwarz und weiß zu unterteilen. Wenn aber auf dem Markt nur schwarz und weiß angeboten werden, dann entsteht ein trüber Grauton. Dort sind meine orangen Ausrufezeichen dann natürlich hervorragend zu sehen.

Gibt es einen Ort an dem du besonders kreativ bist?
Ja, im Kopf! Ansonsten am ehesten im Bett. Da ich meist zwei Stunden zum einschlafen benötige, habe ich genug Zeit, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich schreibe alles auf und am nächsten Morgen wird aussortiert. Besonders kreativ wird es, wenn ich das nächtliche Gekritzel nicht mehr lesen kann, da ich es im Dunkeln geschrieben habe.

Wie nehmen deine Kunden die Ideen auf? Mischst du bewusst zwischen Spinnereien und – sagen wir mal – ‚vorstellbaren’ Ideen?
Ja, ich mische ganz bewusst. Die Ideen sollen einerseits inspirieren und andererseits in bestehende Prozesse integrierbar sein. Außerdem weiß man nie genau, worauf die Kunden wirklich anspringen. Manchmal zerreißen Sie eine Idee förmlich in der Luft, um sie 3 Tage später genial zu finden. Letztendlich sollte immer mindestens eine Idee dabei sein, die auch tatsächlich weiter verfolgt wird. Dann ist das Ziel meiner Arbeit erreicht.

Weil du gerade Spinner gesagt hast… Die Presse schreibt, ich bin „Von Beruf Spinner“. Dem kann ich nur zustimmen. Die Bezeichnung „Spinner“ empfinde ich eher als Kompliment, denn als Beleidigung. Nur Spinner sind in der Lage, ungewöhnliche Ideen zu entwickeln. Außerdem spricht mein Name für sich. Mit Hilfe eines Anagramms wird aus „raik ADLER“ ein „raDikALER“.

Was war deine verrückteste Spinnerei?
Es war zwar nicht meine beste, aber dafür meine verrückteste Idee. Einem Friseursalon habe ich folgendes vorgeschlagen: „Schneiden Sie allen Kunden kostenlos die Haare, die sich Ihr Firmenlogo gut sichtbar tätowieren lassen!“. Das Angebot wird natürlich kein Kunde annehmen, aber es sorgt für reichlich Mund-zu-Mund-Propaganda. Selbst wenn es ein Kunde tun würde, wäre der PR-Wert um ein vielfaches höher als der entgangene Umsatz.

Wurde sie angenommen?
Kurz vor der Umsetzung hat den Auftraggeber dann doch der Mut verlassen und die Ideen wurde (leider) nicht umgesetzt.

Wie kamst du überhaupt zu dem Beruf?
Ich war schon immer ein „Spinner“. Früher in der Schule durfte ich als Klassenclown für einen Geistesblitz manchmal den Rest der Stunde vor der Tür verbringen. Nach dem Abitur studierte ich Betriebswirtschaftslehre und nach einigen Jahren folgte noch ein MBA-Studium.

Als gelernter Ossi, fand ich die Marktwirtschaft ziemlich spannend. In den 5 Jahren als Berater bei einigen großen Beratungshäusern war ich immer top seriös. Ich habe dort eine Menge gelernt, aber der Spaß kam eindeutig zu kurz.

Da kein Unternehmen der Welt eine offene Stelle als Spinner bot, schuf ich mir meinen Traumjob kurzerhand selbst. Seit Anfang 2006 bin ich jetzt als IdeenDesigner tätig. In diesem Job kann ich mein Berater-Know how ideal mit der Spinnerei verbinden.

Du hast u.a. in London studiert. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Offenheit der Menschen dort gegenüber neuen Ideen und Deutschland?
Dazu fällt mir ein Zitat ein. Ich weiß leider nicht mehr, wo ich es aufgeschnappt habe: „Erzähle einem Deutschen von deiner Idee und er wird dir 5 Gründe nennen, warum sie nicht umsetzbar ist. Erzähle einem Amerikaner/Briten von deiner Idee und er wird dir 10 Gründe nennen, wie man sie noch erfolgreicher gestalten könnte.“ Bestes Beispiel ist die total entgegengesetzte Berichterstattung um Jürgen Klinsmanns neue Trainingsmethoden vor und nach der WM in Deutschland.

Worauf führst du die zurück?
Pessimismus liegt uns Deutschen scheinbar im Blut. Bei Veränderungen müssten wir Risiken eingehen und unsere Komfortzone verlassen. Nicht ohne Grund geben die Deutschen weltweit pro Kopf am meisten Geld für Versicherungen aus. Eigentlich sind wir ja auch für Veränderungen, aber nur, wenn sie uns selbst nicht betreffen. Wenn wir nicht täglich jammern würden, wie schlecht es uns doch geht, dann würde es wahrscheinlich bald niemand mehr glauben.

Deine Arbeit überschneidet sich teilweise mit meiner – abgesehen von der geographischen Distanz. (Trotzdem habe ich keine Angst dich hier vorzustellen 🙂 Wie stehst du zu Netzwerkpartnerschaften?
Hut ab vor deinem Mut oder ist das etwa ein Hinterhalt? 🙂
Netzwerkpartnerschaften finde ich einerseits sehr interessant. Andererseits wird in Sachen Networking auch oft sehr übertrieben. Viele vergessen vor lauter Networking das eigentliche Geschäft.

Das mit dem Hinterhalt würde ich nie wagen, denn wie sagten schon die Indianer: Nur die dummen Krähen fliegen lautstark im Schwarm, der kluge Raik Adler hingegen zieht stets alleine seine Kreise! Im Ernst: Irgendwelche Erfahrungen mit Netzwerken?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man am besten erst mal eine Weile formlos zusammenarbeitet. Stellt sich die Zusammenarbeit als für beide Seiten sinnvoll heraus, kann man immer noch Unterschriften unter irgendwelche Verträge setzen. Wenn nicht, dann lässt sich das Ganze schnell und einfach wieder lösen.

Seit letzter Woche ist dein Blog im Netz. Worum wird es da gehen?
Der Blog bietet eine nicht ganz ernst gemeinte „Anleitung zum Scheitern!“. Da es bereits mindestens 3,7 Millionen Blogs zum Thema „So werden Sie erfolgreich!“ gibt, habe ich einen etwas anderen Namen gewählt. Die einzelnen Posts geben zu allseits bekannten Business-Themen Hinweise, wie man sein Unternehmen am besten in den Sand setzt. Das interessante ist, dass sich viele Unternehmen in den Beiträgen wiederfinden. Wollen die etwa alle Scheitern?

Was erwartest du dir davon?
Hauptziel ist natürlich, meinen Bekanntheitsgrad zu steigern, um neue Kunden zu finden. Der Blog dient also im wesentlichen der Kontaktaufnahme zu potenziellen Kunden. Ein Nebeneffekt ist der Riesenspaß, den ich dabei habe, wenn ich mein geballtes MBA-Wissen durch den Kakao ziehen kann. Allein dafür lohnt sich der Aufwand.

Welche Blogs liest du?
Ich habe das Thema für mich erst vor kurzem entdeckt. Deshalb ist dein Blog momentan der Einzige, den ich regelmäßig lese (auch wenn das an dieser Stelle etwas nach Schleimspur aussieht).

In dem Fall lassen wir dir Schleimspur zu 🙂 Welche Pläne hast du für deine Zukunft?
Irgendjemand hat mal gesagt „Leben ist das, was passiert, während man große Pläne macht.“ Statt zu planen nutze ich lieber Ziele. Der Weg zu einem Ziel ändert sich ohnehin ständig und muss daher dauernd angepasst werden. Mein Ziel in Sachen Business ist der weitere Auf- und Ausbau meiner Geschäftsidee. Ich habe mir bestimmte Umsatz- und Gewinnziele für die nächsten zwei Jahre gesetzt.

Möchtest du noch etwas loswerden?
Ja, ein chinesisches Sprichwort als Leitgedanke für neue Ideen: „Wenn der Wind auffrischt, erreichten die einen Mauern, die anderen bauen Windmühlen!“

Vielen Dank für das Interview, Raik, und alles Gute weiterhin!

Geschrieben von Hannes Treichl am 27. Oktober 2006