Eine Teilnehmerin an einem Ideenworkshop fragt mich heute per eMail, ob ich kurz die wichtigsten Schritte von damals für einen eigenen Versuch zusammenfassen kann.

Klar kann ich, und ich machs sogar hier im Blog. Vielleicht hilft es auch anderen beim Entwickeln eigener Ideen weiter!

(Hinweis: Nachstehende Gedanken sind lediglich die Zusammenfassung eines konkreten Workshops, die bei anderer Aufgabenstellung ganz anders hätten aussehen können.)

Ich habe in vielen Projekten die Erfahrung gemacht, dass es nicht mangelnde Ideen (und auch nicht schlecht umgesetzte Workshops) sind, die Unternehmen daran hindern Probleme zu lösen – es sind oft die falschen Hebel, die in Gang gesetzt werden! Eine Analyse der Ausgangssituation, das Erkennen und „sich Eingestehen“ der unverblümten Realität, sind der wichtigste (und meistens schwerste) Schlüssel für alle folgenden Schritte.

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Quelle: Gapingvoid, Cartoons drawn on the back of business cards

1. Die Ausgangssituation

Häufig liegt das Problem nicht dort, wo man es auf den ersten Blick vermutet! Für den Kreativprozess heißt das, einen Schritt zurück zu gehen, „Warum ist das so?“ zu fragen und den Dingen so lange auf den Grund zu gehen, bis die richtigen Aufgabestellungen ausgewählt sind.

Ein Beispiel:

Ein Versicherungsunternehmen glaubt das Problem zu haben, dass seine Verkäufer zu wenig Versicherungen verkaufen. Erster Ansatz: Wie trainieren/motivieren wir unsere Verkäufer?

Komplett falscher Ansatz! Ein Blick hinter die Kulissen zeigte, dass die hohe Komplexität und Variantenvielfalt Schuld daran waren, dass die Kunden kaum eine Chance hatten, den Nutzen der Produkt überhaupt zu verstehen. Neue Fragestellung: „Wie machen wir unsere Versicherung-Produkte sexy?“ (Allein mit dieser Fragestellung waren alle VerkäuferInnen hoch motiviert, am Projekt mitzuarbeiten, weil mit der Lösung auch ihre eigenen Probleme im Tagesgeschäft gelöst wurden.)

Ein Tipp, den ich (in diesem Beispiel) schon praktisch erklärt habe und den ich immer wieder gerne anwende:

  • Bewusst die Fragestellung umdrehen. Manche Menschen tun sich leichter, in Problemen (statt in Lösungen) zu denken. (Schöne Beispiele dazu finden sich übrigens in anderem Zusammenhang auch bei Wolfgang Horbach – z.B. wie man sich ein Meeting 100%ig versaut.)

2. Zielsetzung

Mit welchen Ergebnissen wollen wir am Ende des Tages aus dem Raum gehen? Die Ziele dürfen auch hoch sehr hoch gesteckt sein. „Lasche Ziele sind etwas für Weicheier“, meinte jemand, „sie fordern uns nicht!“ Und sie hatte recht – auch weil der produktive Druck fehlte, war die Qualität der entwickelten Ideen nicht wirklich berauschend.

  • Ziele und Ausgangslage zu Beginn des Workshops klar formulieren.
  • Rückchecken, ob jeder Teilnehmer die Zielsetzung verstanden hat.
  • Committment einholen, Distraktoren erkennen und mögliche kritische Personen identifizieren. (Diese brauchen vielleicht im Workshop hin und wieder besondere Streicheleinheiten, entwickeln sich aber manchmal zu den besten Ideengebern bzw. -bewertern.)

Ein Tipp Muss für die Moderatorin:

  • Die Zielsetzung während des Workshops im Auge behalten. Oft ist es ein schmaler Grad zwischen Lenken und Lenken lassen. Ideen brauchen Zeit und Freiraum, um sich zu entfalten – trotzdem bist du dafür verantwortlich, dass am Ende des Tages Resultate vorliegen, mit denen man weiterarbeiten kann.

3. Kreativphase

Wie kommt das Neue in die Welt?

Es gibt dutzende wenn nicht hunderte Kreativitätstechniken und zig mal so viele Anleitungen und Literatur dazu…

ABER: Selbst die Moderation von simpel scheinenden Brainstormings ist eine Sache der Übung und Frequenz. „Wir machen einfach mal schnell ein Brainstorming“ – geht häufig schief! Warum? Weil die Grundregeln zwar theoretisch bekannt sind, aber weder von Moderator und schon gar nicht vom Team verinnerlicht wurden.

Hier jene Regeln, die ich in meinen Workshops definiere, und die jeder nach Belieben abwandeln und ergänzen kann:

  • Es gibt keine verrückten Ideen – Spinnen ausdrücklich erwünscht!
  • Es gibt keine Hierarchien – Alle Ideen (und natürlich Ideengeber) sind gleichberechtigt. Übrigens eine tolle kulturelle Herausforderung, wenn in Workshops Menschen unterschiedlicher Hierarchieebenen teilnehmen.
  • Es gibt keine Kritik – dafür ist später noch Zeit genug.
  • Alles sagen! – Quantität vor Qualität.
  • Ideen sind dazu da, um auf ihnen aufzubauen und sich gegenseitig zu befruchten.

Ein Tipp:

  • Trockentraining, d.h. ein Blitzbrainstorming mit einer total themenfremden Aufgabenstellung, hilft u.U. weiter, sich erst einmal daran zu gewöhnen, neben seinem Chef mit den unmöglichsten Vorschläge aufzuwarten.

4. Bewertung / Kritische Phase

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Grafik: Sami Viitamäki, The Flirt Model of Crowdsourcing

Ideen eingesammelt, zusammengefasst, strukturiert, visualisiert? Dann folgt die Bewertung. Eine Erstbewertung durch die Teilnehmer selbst (Reminder: Kärtchen schnappen nach dem Windhundprinzip, Punkte kleben, Superstar-Voting) macht Sinn, ersetzt aber nicht das kritische Auge von Fachexperten aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen, denn diese „kritisieren“ nicht nur, sondern können weitere Impulse geben! – Also keine Angst! Ideen sind dazu da um kritisiert, und weiterentwickelt zu werden! (Reminder: Zahnradtheorie)

5. Präsentation vorbereiten / nächste Schritte kommunizieren

Ich war selbst, zumeist als Teilnehmer, bei Workshops dabei die endeten nach dem Motto: „Danke für Eure Ideen. Ich halte Euch auf dem Laufenden.“ Bumm! Tür zu. Alle gemolken, danke das wars. Also das Mindeste was sich Menschen wünschen, die mir einen Tag lang helfen Ideen zu entwickeln ist, dass ich ihnen die nächsten Schritter erkläre. Was passiert mit Euren Ideen? Wer holt sich das OK vom Management? Wer treibt die Umsetzung voran? Wie werde ich über die Entwicklung meiner Idee infomiert? und und und…

Haben die TeilnehmerInnen Ideen für eigene Projekte entwickelt, kann am Ende des Tages eine Kurzpräsentation (Reminder: Michael Porters Elevator Pitch Video) ausgearbeitet werden. Auch wenn (abhängig von der Aufgabenstellung) jede Präsentation anders aufgebaut ist, hilft vielleicht eines an dieser Stelle weiter:

Egal worum es geht – wer es nicht schafft seine Idee in maximal 3-5 Minuten zu „verkaufen“ hat schon verloren.

Ein anderer Richtwert ist die Rückseite einer Visitenkarte. Passt die formulierte Idee dort nicht hinauf, ist sie noch nicht reif präsentiert zu werden!

Ich wünsch dir viel Erfolg, C***!

“Wer eine Idee von mir empfängt,
mehrt dadurch sein Wissen, ohne meines zu mindern,
ebenso wie derjenige, der seine Kerze an meiner entzündet,
dadurch Licht empfängt, ohne mich der Dunkelheit auszusetzen.”

(Thomas Jefferson)

Geschrieben von Hannes Treichl am 29. September 2007