Bewertungsportale - Sinn oder Unsinn aus Sicht des ManagementsManche tun sich unglaublich schwer, Veränderungen zu akzeptieren. Aktuell kann man das am Beispiel Web 2.0 schön beobachten.

Ein Paradebeispiel – geballte Ansammlung von Distraktoren wie sozialer und systemischer Beharrungskraft, sowie Kontrollverlustsangst und einer leichten ethischen Krise:

Während sich ein anderer Österreicher durch den ChanceWeb2.0 Kongress in Köln bloggte, trafen sich in Österreich Experten (‚Das Internet ist seit 1979 ein interaktives Medium.‘ Rainer Grünwald, eMedia) zu einer Podiumsdiskussion, bei der die selbstdarstellenden Anfangsstatements länger dauerten als die Diskussion selbst. Typisches Agieren in Verteidiungssituationen.

Danke an Alexander Greisle für den Link-Tipp. Er fasst die Diskussion treffend zusammen: ‚Viel Unfug in einer Podiumsdiskussion über bzw. gegen Web 2.0. Zum Teil eine ganz besonders elegante Art der Selbsttäuschung.‘

Leid tat mir Dieter Rappold (knallgrau). Seine Schilderung der Realität (‚YouTube hat mehr Leser als die New York Times. […] Vom Homo Sapiens zum Homo Googliens.‘) wollte in dieser Runde (Markus Raith ausgenommen) niemand wirklich hören. Schade! Mark Pohlmann aber dürfte für seinen Bedenkenträger-Kongress neue potenzielle Teilnehmer gefunden haben.

Wer es sich ansehen will: Hier gibts ein Video der Diskussion. Einige Statements der einzelnen Teilnehmer schon vorab – nicht wörtlich aber sinngemäß:

Moderatorin Elisabeth Gardavsky, Nachrichtenchefin Kurier online

Die Leser müssen jetzt akzeptieren, dass es nicht nur eine offizielle Wahrheit im Internet gibt, sondern viele kleine Wahrheiten.

Rainer Grünwald, eMedia

Früher hat man es Pressemitteilung genannt, heute heißt es Blog oder Podcast.

Wir setzen Wikipedia bei den Recherchen täglich an, auch wenn man wissen sollte, dass Wikipedia kein amtlich geprüftes Wissen ist.

Wir verwenden Telefon 1.0, man kann uns anrufen.

Michael Rossipal, Verlagsgruppe NEWS.

Plötzlich können sich User am Geschehen beteiligen […] Welche Schwierigkeiten das bedeutet…

Karl Pachner, ORF

Web 2.0 ist nichts anders, als Panini Fußball-Pickerl auszutauschen.

Wenn 6 Milliarden Menschen ihre Interessen darstellen, dann versinkt alles in Irrelevanz. Ich will mir gar nicht 6 Milliarden Interessenslagen anschauen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Medienunternehmen gerade in Zeiten des Web 2.0 extrem gut abgesichert sind.

Web 2.0 ist das, was man im steuerlichen Bereich als Liebhaberei bezeichnet. Makroökonomisch sind sie irrelevant und schaffen wenig.

Ich sehe hier kein Geschäftsmodell, auch nicht bei Unternehmen wie YouTube.

Wir sind wieder einmal dabei, das Internet zu überschätzen.

Es gibt kein Geschäftsmodell. Wieso sollte ich zur Erfüllung meiner sozialen Funktionen Gebühren und Mitgliedsbeiträge zahlen?
[Anm.: Ich zahle auch Rundfunkgebühren, Herr Pacher, trotz Satellitenfernsehen.]

Wenn ich etwas ins Netz stelle, das nur 16.000 mal abgerufen wird, so ist es ein Misserfolg.

Markus Raith, Vorarlberg Online

Wir sehen die Innovation nicht in der Technik, sondern in der Anwendung. Darauf werden wir weiter setzen.

Wir probieren das! Wenn ein Projekt nicht funktioniert, stampfen wir es ein und fahren ein anderes hoch.

Dieter Rappold, knallgrau

Aus Content Management wird Connection Management.

Es geht nicht nur um die Cover Story, sondern auch um das Material dahinter.

Es ist völlig verfehlt, hier immer nur die entweder-oder Frage zu stellen oder Abwehrkämpfe der klassischen Medien gegen diese Dinger hier zu starten.

Euer Fehler liegt in der Haltung, weil Ihr die Inhalte von vornherein als minderwertig abstempelt.

Frage der Moderatorin an Dieter: ‚Wie willst du neue Modelle der Vermarktung entwickeln, wenn du auf alte Marken zurückgreifst? [Anm. Auf wen denn sonst?]

Geschrieben von Hannes Treichl am 29. September 2006