Manchmal muss ich schmunzeln, wie alte Branchen mit neuer Konkurrenz umgehen. Das Muster ist immer das selbe: Zuerst die Ohnmacht. Dann Lobbying und das Ausloten rechtlicher Möglichkeiten (mit „Hilfe“ überforderter Institutionen) und ganz zum Schluss das Adaptieren des eigenen Modells, so dass es irgendwie zu den neuen Angeboten passt.

Aber nicht nur die Deutsche Bahn macht jetzt auf Fernbus. Aktuell schmunzle ich über die Interpretation der „Sharing-Culture“ auf der Webseite einer Konferenz für Touristiker. Auf Tourism Fast Forwad heißt es in einem Eintrag:

„Mit dem gesellschaftlichen Wertewandel entsteht Sharing und damit ein verändertes Konsumverhalten. Als innovatives Tourismusland werden wir dies als Chance nutzen. Teilen wird den etablierten Tourismus nur ergänzen, aber nicht ersetzen. Nur die Produktentwicklung und den Vertrieb müssen wir anpassen. Außerdem ist Sharing seit 150 Jahren Teil der Tiroler Tourismuskultur. Früher sagte man noch Gastfreundschaft dazu.“

Soso, die kommerzielle Vermietung von Zimmern soll jetzt also auch noch in den Sharing Trend gepresst werden. Als Beispiel dient AirBnB, jene Plattform, deren Grundidee es einmal war, dass Menschen überschüssigen Wohnraum gegen einen Unkostenbeitrag mit anderen teilen. Die Betonung liegt auf war…

Ich habe AirBnB bei seinem Launch sehr geschätzt, und bedanke mich bei den Machern für wundervolle Kontakte zu wundervollen Menschen; aber: (leider) verwässert die wunderbare Welt von AirBnB mit jedem neuen gewinnorientierten Privatzimmervermieter; wird mehr und mehr zu einer Buchungsplattform.

Ich mag AirBnB und buche gerne dort! Aber AirBnB ist kein Sharing, da ein Großteil der Angebote auf Gewinn abzielt. Couchsurfing ist Sharing. Der Restaurant Day ist Sharing. Brainr ist Sharing. Alan, Henri & Stacya leben Sharing (siehe unten). Barcamps sind waren Sharing – bis sie zu Akquise-Instrumenten von Beratern verkommen sind.

restaurantday

Sharing ist Überzeugung. Sharing stiftet Sinn. Sharing ist, wenn Menschen in Menschen Menschen erkennen. Sharing hat seine Wurzeln jenseits (primär) monetärer Motive. Sharing (im engeren Sinn) ist eine Kultur. Alles andere ist ein abgeleiteter Trend (mit Kommerz als eigentliche Wurzel) für Trittbrettfahrer.

Schauen wir (weil ich das immer gerne tue) mal über den Tellerrand: Eine Stadt, die den Grundgedanken des Sharing ganzheitlich in ihrer Strategie zu verankern versucht, ist die koreanische Hauptstadt Seoul.

seoul

Seoul nennt sich inzwischen Seoul Sharing City. Bürgermeister Park Won Soon hat das Thema 2012 strategisch verankert und fördert „nicht-kommerzielle“ Projekte. So teilen sich die Menschen in Seoul Wohnraum, Mahlzeiten oder Werkzeuge.

Gemeinsame Gärten, zusammen kochen oder soziale Wohnprojekte werden initiiert. Es liegt auf der Hand, dass Seoul die Ressourcen schonen will, damit Abfall vermeidet, Energie einspart und das Gemeinschaftsgefühl stärkt. (Danke, Elita!)

Wer mehr dazu lesen will, schaut mal schnell ins Blog der United Nations University und findet dort den Beitrag „Is Seoul the next Great Sharing City?

Epilog

Die Bilder kommen diesmal bewusst nicht von mir; -> Thanks for SHARING via CC Alan, Henri and Stacya!

Dieser Beitrag entstand auf Einladung zum Gedankenaustausch einer der Organisatorinnen der Tourism Fast Forward Konferenz. Auf einen Offline-Meinungsaustausch freue ich mich im Rahmen meiner Keynote bei der ITB in Berlin!

Geschrieben von Hannes Treichl am 8. Februar 2015