Man sagt, es dauert manchmal nur eine Minute, einen besonderen Menschen kennenzulernen; eine Stunde ihn zu schätzen; einen Tag ihn zu lieben … aber ein ganzes Leben, ihn zu vergessen. Letzteres gilt manchmal auch für unseren Umgang mit Fehlern – eigenen ebenso wie denen anderer.

Irgendwo // Zwei Freunde laufen den Strand entlang und geraten in einen lauten Streit. Dieser verläuft so heftig, dass einer der beiden den anderen schlägt. Am Boden liegend schreibt dieser schweigend in kleinen Buchstaben in den Sand: Mein bester Freund hat mich heute geschlagen.

Tage später //Wieder schlendern die beiden Freunde in der Gegend herum. Der Tage zuvor Geschlagene wird von einer Wespe gestochen und droht zu ersticken. Sein Freund handelt kurz entschlossen, hilft und rettet ihm das Leben.

Der beinahe Erstickte sucht den Rest des Tages nach dem schönsten Stein am ganzen Strand, holt einen Stift hervor und schreibt in großen Lettern darauf: Mein bester Freund hat mir heute das Leben gerettet.

Der andere sieht ihn erstaunt an: „Ich verstehe dich nicht – letztens hast du die Worte einfach in den Sand geschrieben. Heute suchst du stundenlang nach einem Stein? Warum?“

Sein Freund schmunzelt: „Wenn uns jemand verletzt oder einen Fehler begeht, sollten wir es in Sand schreiben! Damit der Wind der Versöhnung ihn auslöscht. Aber wenn uns jemand Gutes tut, sollten wir es in Stein meisseln: damit kein Wind der Vergessenheit ihm jemals etwas anhaben kann.“

Warum diese Geschichte? // Wenn wir wirklich, wirklich Neues schaffen, passieren immer Fehler!

Wir können sie in Stein meisseln und als dauerhafte Ausrede, Entschuldigung und Rechtfertigung für unser Handeln nutzen.

Oder wir schreiben sie in Sand, wo sie uns zwar lange genug daran erinnern, dass es noch einiges zu tun gibt – wo sie aber keine offenen Wunden hinterlassen.

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PS // Ich schreibe diese Zeilen an dem Ort, den du oben im Bild siehst. Im Oktober heissen wir dich hier zu unserer insel.zeit, einer in diesem Jahr bestimmt besonderen, herzlich willkommen. Infos & Bewerbung: www.inselzeit.andersdenken.at.

Geschrieben von Hannes Treichl am 27. August 2020