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Ahab weiß nur zu gut, dass die Bestie ihn in die Tiefen des Meeres mitreissen wird. Aber sein Zorn auf das Monster, dem er sein Leben lang nachgejagt hat, erlischt noch immer nicht.

Unaufhörlich rammt er die Spitze seines Speers in den Wal, den er so sehr hasst, weil er ihn nie töten wird können.

„Jetzt fühle ich, daß meine allergrößte Stärke in meinem größten Schmerz liegt. Auf dich wälze ich mich zu, der du alles vernichten, aber nicht besiegen kannst!

Bis zum letzten will ich mit dir ringen! Mit einem Herzen, das mit Höllengedanken erfüllt ist, steche ich nach dir!
Weil ich dich hasse, speie ich dir meinen letzten Atem entgegen!

So will ich denn, wenn ich auch mit dir verbunden bin, dich verfluchten Wal!“

Sehen wir es mal wie Ahab: In Wahrheit lieben wir dieses Ungeheuer, das uns nicht und nicht loslässt. Der Weiße Wal ist unser ungeschriebenes Buch. Er ist das nie gemalte Bild, der nie eröffnete Laden, der nie gelebte Traum.

Die Idee, die, weil sie streng behütet in unseren Köpfen verstaubt, nie das Licht der Welt erblickt, und deshalb nie als großartige Idee wahrgenommen werden wird.

Der Weiße Wal ist das, wofür wir „eigentlich“ wirklich, wirklich brennen – und das wir gleichzeitig so sehr fürchten.

Der Weiße Wal ist das, mit dem gemeinsam wir „eigentlich“ sogar bereit wären unterzugehen…

… aber nur, um wieder aufzutauchen. Weiser – weil reicher an Erfahrungen, die uns genug Luft für den nächsten Tauchgang verschaffen.

Statt im Mittelmaß zu verstauben, fragen wir uns besser, welche unserer vielen Ideen, unserer auf morgen verschobenen Pläne oder nie verfolgten Ziele unser Weißer Wal ist!

Jenes Ungeheuer, das uns schlaflose Nächte bereitet und bei dessen Anblick wir vor Angst erstarren.
Die Bestie, die uns bis in unsere Träume verfolgt, um uns zuzuflüstern:

„Hey, ich bin dir wichtig. Sonst wäre ich nicht hier!“

Angst kann ein großartiger Kompass sein. Ein Kompass, der uns den Weg zu mehr als dem Mittelmaß weist. Vielleicht sogar zu dem, was wir „eigentlich“ wirklich, wirklich wollen…

Ja, der alte Wal, ist bei aller Gefahr,
In dem Ozean Herr des gesamten Heeres;
Er ist ein Riese an Macht,
Und wer die Macht hat, der hat Recht.
Er ist der König des unendlichen Meeres.

Walfischlied.

PS // Diese und andere Geschichten findest du hier auch als Download zum Ausdrucken oder Verschenken.

Hannes Treichl

About Hannes Treichl

In diesem Blog findest du persönliche Gedanken, Geschichten über außergewöhnliches Marketing, kreatives Denken und das Tun beherzter Menschen. Mehr über mich »