Hijacking? – Wenn ein Tourismusverband Facebook entdeckt…

Ein Tourimusverband „kidnappt“ eine Facebook Seite. Seit gestern auf meiner Facebook Pinnwand diskutiert. Aufgrund der vielen Kommentare und vor allem Mails die ich erhalten habe, hier eine Chronologie des Aktes „Hijacking-Verdacht Facebook Seite Innsbruck“…

Als ich gestern Mittag meine E-Mails überflog, stieß ich auf ein Mail von Facebook mit folgendem Inhalt:

Deine Seite „Innsbruck (Tirol, Austria)“ wurde entfernt, weil sie gegen unsere Nutzungsbedingungen verstoßen hat. Eine Facebook-Seite ist ausschließlich für Unternehmens- und Werbezwecke bestimmt. […]

Nun ja, klingt nicht wirklich bedrohlich. Die Seite war einige Stunden nicht erreichbar, doch als mich kurze Zeit später ein Freund anrief und fragte, seit wann die Seite mitsamt ihren Fans nun dem Tourismusverband Innsbruck („Innsbruck Tourismus„) gehöre, staunte ich selbst nicht schlecht.

Ski-Innsbruck: Skiurlaub 2010 / 2011 Pauschalangebote in der Olympia Skiword Innsbruck.

Beiträge dieser Art waren bislang die einzigen, die wir als Seitenbetreiber regelmäßig gelöscht hatten, denn die Seite sollte eine Plattform VON Freunden der Stadt, FÜR Freunde der Stadt bleiben – frei von Werbemüll und politischen Diskussionen.

Studenten suchten nach Wohnungen, Menschen und Veranstalter wiesen auf Events hin und Gäste und Urlauber posteten dutzende, wenn nicht hunderte Fotos die sie in der Stadt geschossen hatten.

Auf knapp 17.000 hatte sich die Zahl der Mitglieder mittlerweile angehäuft. Ohne dafür einen Euro Budget in die Hand genommen zu haben. Und dann kam Tourismus Innsbruck auf die Idee, mit der Arbeit Leidenschaft anderer Werbewerte zu schaffen…


Aus dem Archiv der ORIGINAL Innsbruck-Facebook Seite
Foto: Aaron Jones, Las Vegas

Die Vorgeschichte Teil 1 (März 2010) – Ein Telefonat zum…

Im März 2010 schrieb ich nach einem Telefonat mit der Internet-Verantwortlichen von Tourismus Innsbruck einen Blogbeitrag mit dem Titel: „Über die erschreckende Service Qualität von Tourismusverbänden„.

(Ich erspare Euch hier eine Wiederholung des teilweise kabaret-reifen Inhalts und erwähne nur den kurzen Diskurs betreffend Facebook.)

Auf die Frage, ob seitens des Tourismusverbandes Interesse bestände, Inhalte auf der Fanpage von Innsbruck (damals rund 10,000 Mitglieder) zu übernehmen, erhielt ich die Antwort: „Die Seite gehört doch uns?“ Tatsächlich handelte es sich um eine inaktive Gruppe mit weniger als 400 Mitgliedern…

Vorgeschichte Teil 2 (April 2010) – Medienwert einer Facebook Seite

Am 7. April 2010 schrieb ich einen viel zitierten und diskutierten Beitrag mit dem Titel „Welchen €-Werbe-Wert hat Social Media?„. Ein für mich nach einem Gespräch mit einem Werber in wenigen Minuten getippter Artikel. Für Werber und Marketer anscheinend ein Beitrag, dessen sarkastischen Inhalt ihnen plötzlich das Wasser im Mund zusammenlaufen lies.

Es dauerte nur 8 Tage bis der Tourismusverband Innsbruck unsere Seite „Innsbruck (Tyrol, Austria)“ überaus kreativ mit dem Namen „Innsbruck – Tyrol (Austria)“ kopierte.

Meine Kritik an Innsbruck Tourismus

Ich verstehe das Vorgehen nicht. Angebote für Gespräche zum (kostenlosen!) gemeinsamen Betreiben der Seite gab es meinerseits drei mal. Das erste mal übrigens schon vor 3 Jahren als Facebook in Eurem Hause noch nicht wirklich bekannt war.

Ihr habt die vielen Interaktionen auf der Seite lange verfolgt. Warum liegt Euch nichts am unglaublichen Engagement „echter“ Freunde dieser Stadt? Ist das Planziel nun erfüllt und sind genügend Kontakte für Eure Stake-Holder generiert?

Meine Kritik an Facebook?

24 Stunden nach der Übernahme der Seite durch den Tourismusverband Innsbruck ist es für mich zu früh, um nachvollziehen zu können, was hier genau geschehen ist. Eine Stellungnahme seitens Facebook – sofern diese überhaupt jemals erfolgen wird – steht noch aus.

Jedoch liegt meinerseits die Vermutung nahe, dass Facebook den Seitennamen facebook.com/innsbruck auf eine bislang schon existierende Seite von Tourismus Innsbruck transferiert hat und einige tausend „Fans“ gleich mit dazu.

Ob so etwas überhaupt möglich ist oder von Facebook praktiziert wird weiß ich nicht, deshalb ist und bleibt es eine Vermutung!

Begründung und Fakten

  • Erst vor wenigen Wochen hatten wir uns auf Facebook andere „Innsbruck-Seiten“ angesehen. Es war keine nennenswert große dabei. Andere, mit uns in diesem „Projekt“ nicht in Verbindung stehende Menschen, haben dies heute unabhängig voneinander bestätigt.
  • Ich selbst bin Freund dieser Seite, obwohl ich niemals auf den „Gefällt mir“ Button geklickt habe!! Viele mit denen ich seit gestern gesprochen habe bestätigen diesen Sachverhalt. Auch sie scheinen in der Freunde-Liste auf, ohne jemals auf „Gefällt mir“ geklickt zu haben!
  • Laut Pinnwand Chronologie besteht die jetzige Facebook Seite seit 15. April 2010. Das ist einerseits eine Woche nach der Veröffentlichung meines Blogbeitrages über den Werbewert einer Facebook Seite. In diesem Beitrag verwendete ich facebook.com/innsbruck als Rechenbeispiel. In diesem Zeitraum eine derart große Fangruppe aufzubauen ist mehr als unrealistisch – zumindest ohne gleichzeitig selbst mit Aktionen auf der Seite aktiv gewesen zu sein!
  • Die Kommentare, Pinnwandeinträge und hochgeladenen Fotos in diesem Zeitraum entsprechen in keinster Weise einem realistischen Schnitt für User Generated Content einer Gruppe von 17.000 Menschen! Noch dazu stammen die meisten der bisherigen Pinnwandeinträge vom Tourismusverband Innsbruck selbst, seinen MitarbeiterInnen, verwandten Organsiationen und Fake-Profilen.

Erste Reaktionen

Einige zufällig gewählte Zitate aus vielen Mails oder Kommentaren an meiner (privaten) Facebook Pinnwand:

Ich finde so eine Vorgangsweise sehr bedenklich. Vor allem wenn die Fans einfach so – ohne sie darüber in Kenntnis zu setzen – mitüber…nommen werden. Innsbruck Marketing kann ja ruhig eine eigene, „offizielle“ Werbeseite machen und aufbauen – dem steht ja nichts im Weg, aber einfach so übernehmen… Nicht gut. Die Fanseite war von Fans für Fans – und schaut euch nun die letzten 3 Posts an: -10% auf alle Skipauschalen. Wird man mit Werbung nicht schon genug zugemüllt.

Als könnte man mit dir nicht reden. Wäre wahrscheinlich auch „ANDERS“ gegangen so wie ich dich kenne.
[Anmerkung: Ja – und vor allem effektiver!]

Spiegelt eben die Unfähigkeit mit Social Media umzugehen wieder. Vor allem aber birgt dieses Vorgehen doch ein bis zu einem gewissen Grad unkalkulierbares Risiko. Ich sag nur Blogosphäre…

Das gehört echt in die Öffentlichkeit getragen!! Vor allem das eine ist, jemandem die Seite unbegründet (denn die angeführten Gründe haben ja nicht zugetroffen, nehm ich an) wegnehmen, das andere ist, die Fans offensichtlich zu übernehmen!

On die Voraussetzungen einer Marken- oder Namensrechtsverletzung vorliegen muss man im Einzelfall prüfen, weil sonst natürlich auch die Löschung nicht zulässig ist. […] Aus meiner Sicht dürfte man den Account dann aber in jedem Fall nur „blanko“, also ohne Einträge und Fans übergeben.

Der rechtlich / moralische Aspekt

Letzeres Zitat stammt übrigens von einem alten langjährigen Bekannte, dem auf Social Media spezialisiertem Anwald Dr. Carsten Ulbricht.

In einem meiner Langzeit-Lieblingsblogs „Recht Zwei Null“ beleuchtet er den Fall aus rechtlicher Sicht (hier geht es zu seinem Beitrag ») und nimmt auch zur „Taktik“ von Innsbruck Tourismus Stellung:

[…] Für eindeutig rechtswidrig halte ich allerdings die Übergabe des gesamten Accounts inklusive Inhalte und Fans. Bei diesem Vorgang sind rechtliche Argumente, wie etwaige Urheberrechte an den vom bisherigen Accountinhaber erstellten Inhalten, aber auch etwaige Datenschutzrechte der Fans bei der Prüfung der rechtlichen Zulässigkeit zu berücksichtigen. […]

Im vorliegenden „Innsbruck“ Fall kommt darüber hinaus noch hinzu, dass man seitens der Verantwortlichen offensichtlich schon seit einige Zeit von der Existenz der Facebook Seite wusste und sich dafür aber nicht interessiert hat. Als weiteres juristisches Argument könnte daher angeführt werden, dass die Nutzung des Namens geduldet worden ist und insofern nun nicht mehr rechtlich vorgegangen werden kann. Für diesen durchaus relevanten Einwand muss aber der Accountinhaber ggfls. beweisen können, dass der Namens- oder Markenrechtsinhaber tatsächlich seit einiger Zeit Kenntnis hatte. […]

Mal abgesehen davon, dass es seitens des Tourismusverbandes kaum als taktisch sinnvoll angesehen werden kann, einen Facebook Account von den Fans der eigenen Stadt einfach zu „übernehmen“, ohne vorher mit dem Accountinhaber kommuniziert und nach einvernehmlichen Lösungswegen gesucht zu haben, sollen im nachfolgenden Beitrag unter Zugrundelegung deutschen Rechts die bei entsprechenden Fragen heranzuziehenden Rechtsgrundsätze skizziert werden, die auch von den Nutzungsbedingungen der jeweiligen Plattform (hier eben Facebook) beeinflusst werden. […]

Bei etwaigen kollidierenden Namensrechten wird sich der Accountinhaber ein Stück weit mit Hinweisen abgrenzen können, dass es sich bei dem Account z.B. um eine Fanpage und nicht die Stadt selbst handelt. Eine Markenverletzung scheidet regelmäßig aus, wenn eine fremde Bezeichnung nicht markenmäßig, d.h. zur Kennzeichnung von Waren und Dienstleistungen, verwandt wird und die Marke auch sonst nicht verunglimpft wird. […]

Die ungefragte Übernahme der gesamten Aufbauarbeit, die nicht nur bei der Inhaltserstellung, sondern auch bei der Gewinnung der Fans geleistet wurde, geht aus meiner Sicht deutlich zu weit…

Danke, Carsten! Wie immer eine überaus gelungene Zusammenfassung! Wie auf Recht Zwei Null kommentiert, wurde die bislang existierende Innsbruck Seite mitsamt dem bislang bestehenden Content sehr wohl offline genommen oder gelöscht!

Fragwürdig ist aufgrund obiger Begründungen dennoch, wie es dem Tourismusverband Innsbruck innerhalb einer Stunde (und an einem Feiertag noch dazu) gelungen ist, sich den Seitennamen facebook.com/innsbruck zu sichern. Hierzu reicht mein Facebook Insider Wissen nicht aus. Ein automatisierter Prozess? Warum bin ich Freund einer Seite die mir nicht gefällt? Warum sind andere die das auch nie wollten Freunde dieser Seite? Fragen über Fragen…

Fakt ist, dass das Löschen meines Kommentars auf der Pinnwand der „neuen“ Innsbruck Seite erfolgte erst am nächsten Werktag, denn zum Zeitpunkt der Löschung durch Facebook war in Österreich ein Feiertag…

Wie und ob die Geschichte weitergeht erfahrt Ihr hier im Blog.
…oder via RSS, E-Mail Abo, @hannestreichl, anders|denken auf Facebook

Hinweis zum Schluss…

… und ein Tipp für die Innsbruck Marketer:
Wir backen schon längst an etwas Neuem. Am 1. November gehts los:


www.facebook.com/innsbrooklyn // www.innsbrooklyn.com

Update 5.11.2010 // Lesenwertes

Tiroler Tagezeitung vom 5.11.2010: „Facebook-Piraten kapern 16.000 Innsbruck-Fans […] und keiner will‘s gewesen sein…“

Facebookmarketing.de vom 4.11.2010: „Der “Fall Innsbruck” und der “Fall Wien” – Facebook Willkür?“

Socialnetworkstrategien.de vom 3. November 2010: Facebook dreht durch – Innsbruck und Wien mit 139.000 neuen “Fans” auf Facebook (Teil 2)

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Über Hannes Treichl

In diesem Blog findest du persönliche Gedanken und Geschichten über beHERZte Menschen. Über außergewöhnliches Marketing und kreatives Denken – und das Sein im Tun. Mehr über mich findest du hier ».